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Die 7 Stufen der Gelassenheits-Stress-Skala

von Ingo Zacharias am 17. März 2011

Wie ist Ihr geistiger und körperlicher Zustand in diesem Moment? Gelassen? Gestresst? Oder nicht richtig gelassen, aber auch nicht richtig gestresst?

Gewöhnlich verbinden wir mit Gelassenheit einen Zustand wie auf dem Bild rechts. Es ist ein Zustand, wo wir innerlich die Anforderungen des Alltags für eine Weile hinter uns lassen. Demgegenüber erleben wir Stress, wenn wir uns getrieben fühlen, wenn wir (oft unbewusst) immer schon das Nächste im Blick haben, obwohl wir jetzt erstmal hier etwas zu tun haben.

Doch bei genauerem Hinsehen gibt es eine größere Anzahl an Gelassenheits- und Stresszuständen. Ich empfinde eine solche Differenzierung als hilfreich, um zu verstehen, wo ich gerade stehe (oder in einer bestimmten Situation stand). So kann ich besser erkennen, wie weit ich von den Zuständen von Gelassenheit entfernt bin, auf welche inneren Prozesse ich in Zukunft besser achten sollte und was mir in einer schwierigen Situation als Akutmaßnahme helfen könnte.

Und es kann eine Entlastung sein zu sehen, dass diese verschiedenen Zustände zum „menschlichen Verhaltensrepertoire“ gehören, also in gewisser Weise „normal“ sind.

Angelika C. Wagner hat dazu ein 7-stufiges Modell – die sog. „Psychotonusskala“ –  entwickelt, die ich hier in leicht abgewandelter Form darstellen möchte. Es findet sich in ihrem Buch „Gelassenheit durch Auflösung innerer Konflikte“.

Die Gelassenheits-Stress-Skala

Stufe 1: Absolute innere Ruhe

Dieser tiefste Zustand von Gelassenheit zeichnet sich durch ein Erleben von Ichlosigkeit, Zeitlosigkeit und der Verbundenheit mit allem Seienden aus. Alles, was ein Mensch in diesem Zustand wahrnimmt, hat eine eigene Schönheit und besondere Intensität. In spirituellen Traditionen spricht man hier von einer mystischen Erfahrung oder Erleuchtungserfahrung.

Stufe 2: Versunkenheit und Flow-Erleben

Prägnante Merkmale dieser Stufe sind: Innere Ruhe, Mühelosigkeit des Tuns, große Energie und eine hohe Wahrnehmungsfähigkeit. Man ist im wahrsten Sinne des Wortes „im Fluss“ mit dem, was man gerade tut und wahrnimmt. Es gibt keinerlei Sorgen und Widerstände, von daher ist man auf eine bestimmte Art selbstvergessen. Alles „läuft rund“, auch wenn aus der normalen Verstandesperspektive Probleme zu bewältigen sind.

Ein Segler beschreibt dies so (Wagner-Buch S. 25):

„Das Boot lief wie an der Schnur. Trotz sehr starker und abrupt einfallender Böen hatte ich es vollkommen unter Kontrolle, ich war wie verwachsen mit ihm. Die Grenze zwischen meiner Haut und dem Boot war aufgehoben, wir waren eine Einheit. Jeder Handgriff passte, fühlte sich gut an… Obwohl ich in diesem Geschehen vollkommen aufgegangen war, zeichnete sich jeder Moment durch außergewöhnliche Ruhe, Klarheit und Einfachheit aus.“

Stufe 3: Entspannung und beginnende Versunkenheit

Hier tauchen noch Gedanken, Gefühle und Erinnerungen im Bewusstsein des Individuums auf. Aber man wird dadurch nicht aus dem bloßen Wahrnehmen des jetzigen Moments herausgerissen. Es ist ein Zustand von Wachheit, ohne zu reagieren oder zu handeln. Man ist nicht mehr identifiziert mit dem, was man an Gedanken etc. wahrnimmt, sondern erlebt sich mehr als beobachtendes Bewusstsein. Dieser Zustand ist das Ziel vieler Meditationspraktiken, z. B. der Praxis des reinen Beobachtens („bare attention“) oder im Yoga-Nidra.

Stufe 4: Alltagswachbewusstsein ohne inneren Widerstand

Dies ist die Stufe, auf der sich das Individuum idealerweise im Alltag bewegen kann. Man ist wach, aufnahme- und entscheidungsfähig. Es ist die erste Stufe, auf der willentlich gehandelt wird. Entscheidend ist hier, dass diese willentliche Steuerung des eigenen Handelns ohne (merkliche) innere Widerstände und Blockaden erfolgt.

Stufe 5: Anstrengung, Wille, Impulsivität

Hier treten erstmalig innerlich widerstreitende Gedanken, Impulse und Energien auf. Dieses Gegeneinander muss gelöst werden, damit Handeln möglich ist. So setzt sich z. B. durch Selbstbeherrschung und willentliches Handeln eine „vernünftige“ gegen eine „unvernünftige“ Seite durch. Oder aber man lässt sich durch Impulsivität zu etwas „hinreißen“. Körperlich spürt man auf dieser Ebene eine deutlich erhöhte Erregung und motorische Anspannung.

Stufe 6: Akuter Konflikt

Auf dieser Stufe treten Angst, Entscheidungsdilemma, Ärger oder auch Depressionen auf. Die Gedanken drehen sich im Kreis, verbunden mit einer eingeschränkten realistischen Wahrnehmungsfähigkeit. Auch die Fähigkeit, Probleme zu lösen ist reduziert und kann bis zu einem Gefühl der Ausweglosigkeit führen. Oder es passiert, dass man plötzlich „leer“ im Kopf ist und einem nichts mehr einfällt. Hier treten stark fordernde Gedanken von „So muss es sein.“ oder „So darf es nicht sein.“ auf.

Stufe 7: Eskalierender akuter Konflikt

Der akute innere Konflikt dreht sich immer schneller im Geist. Die körperliche Erregung nimmt noch einmal deutlich zu und Gefühle von Panik oder Verzweiflung kommen auf. Auf der Handlungsebene kann es zum „Ausrasten“ oder zum „Blackout“ kommen. Es kann aber auch zu plötzlicher völliger Bewegungsunfähigkeit („Totstellreflex“), zu einem „spontanen“ Fluchtverhalten oder zur Ohnmacht kommen.

Gelassenheit kommt von Lassen.

In dieser Skala sind also die Stufen 1-4 verschiedene Formen von Gelassenheit, während die Stufen 5-7 ansteigende Formen von Stress beschreiben. Was ist jetzt in dieser Darstellung der grundsätzliche Unterschied zwischen Gelassenheit und Stress?

Angelika Wagner beschreibt in ihrem Ansatz der Introvision, dass den Zuständen von Gelassenheit etwas fehlt, was in den Zuständen von Stress vorhanden ist: innere Konflikte, Widerstände und Blockaden. Es fehlen dort also Zwangsgedanken und -gefühle, die sagen: „Es muss so sein.“ oder „Es darf so nicht sein.“

Das Wort Gelassenheit bedeutet ja vom Wortursprung „etwas unterlassend“. Und dieses Lassen besteht genau in dem Lassen dieser fordernden Sätze. Nur so können wir einen wirklichen Boden finden, um mit den verschiedenen Ausprägungen von Gelassenheit in Kontakt kommen. Und das würde sich doch gut anfühlen, oder?

Warum diese Sätze so zentral im Verhindern von Gelassenheit sind, wie sie entstehen und wie man sie auflösen kann, erfahren Sie in diesem Blog-Artikel über die Introvision.

Auf welcher Stufe der Gelassenheits-Stress-Skala bewegen Sie sich im Alltag meistens?

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